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Lou Bihl: „Nicht tot zu sein, ist noch kein Leben“
In diesem Alethea Talks spricht Lou Bihl über die Entstehung des Buches, ethische Konflikte in der Medizin und die gesellschaftliche Debatte um Sterbehilfe. Lou Bihl ist Fachärztin für Radioonkologie und Palliativmedizin sowie Autorin zahlreicher wissenschaftlicher Beiträge und belletristischer Werke. In ihrem neuen Roman „Nicht tot zu sein, ist noch kein Leben“ (Unken Verlag, Mai 2025) beleuchtet sie das kontroverse Thema selbstbestimmtes Sterben – faktenbasiert, sensibel und erzählerisch. Der Roman erzählt von Freundschaft, Liebe und der Frage nach einem würdigen Abschied.
Es ist wichtig, über Themen wie selbstbestimmtes Sterben, Trauer und den Umgang mit unheilbaren Krankheiten zu sprechen, weil sie den Gang des Lebens betreffen – die unausweichliche Reise, die jeder Mensch durchläuft. In einer Zeit, in der medizinische Errungenschaften das Leben verlängern können, bleibt der Tod ein Schicksal, vor dem jede Familie steht. Trotz aller Fortschritte in der Onkologie, Palliativmedizin und Lebensverlängerungstechniken – von Chemotherapien bis zu KI-gestützten Diagnosen – konfrontiert uns das Ende mit ethischen, emotionalen und gesellschaftlichen Fragen: Wie gehen wir mit Leiden um? Wann ist Leben mehr als bloße Existenz? Was ist es, dass uns alle verbindet – die Endlichkeit des Lebens.
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19. Januar 2026
„Der Tod ist – abgesehen von der Geburt – das einzige Ereignis im menschlichen Leben, das hundert Prozent aller Menschen betrifft.“
Alethea Talks: Frau Bihl, ist der Fall in Ihrem Roman ein echter Fall? Dürfen Sie das sagen?
Lou Bihl: Nein, meine Romane sind frei erfunden und rein fiktiv. Es gibt keine dieser Personen im realen Leben.
Wie haben Sie selbst die Spannung zwischen beruflicher Ethik und privater Loyalität empfunden?
Eigentlich gar nicht, weil ich mich persönlich entschieden habe, keine nahestehenden Menschen zu behandeln – also keine Verwandten oder Freunde. Als Radioonkologin ist man nicht so oft in dieser Situation wie ein niedergelassener Hausarzt. Ich denke jedoch, dass es schwierig ist, bei einem Menschen, den man sehr mag, die Objektivität in allen Situationen zu wahren.
Alethea Talks: Können Sie für die Leserinnen und Leser ausführen, wie die Beziehung der Protagonistin Marlene zu ihrer Freundin verläuft und wie Sie diese dargestellt haben?
Lou Bihl: Es handelt sich um eine lebenslange Freundschaft, die im ersten Studiensemester begann. Die beiden haben sich gelegentlich aus den Augen verloren, doch die Freundschaft hielt. Mit Anfang 50 erkrankte Marlene an einem sehr bösartigen Brustkrebs. Sie wurde von entsprechenden Fachärzten behandelt, nicht von ihrer Freundin, die nur als Hausärztin im Hintergrund für kleinere Beschwerden zuständig war. Die onkologische Betreuung übernahmen Spezialisten. Die Situation änderte sich, als klar wurde, dass eine Heilung nicht mehr möglich war. Marlene bat ihre Freundin, die auch Palliativmedizinerin ist, um Begleitung – Schmerzen und andere Symptome zu lindern. Die Freundin konnte dies nicht abschlagen, obwohl es innere Konflikte auslöste.
Alethea Talks: Würden Sie selbst eine solche Situation ablehnen – Freunde oder Verwandte zu behandeln?
Lou Bihl: Ja, ich habe das immer so gehalten, weil die Behandlung eines nahestehenden Menschen die Objektivität beeinträchtigen kann. Es ist jedoch schwierig, in einem solchen Fall einen Freundschaftsdienst zu verweigern. Das stürzt den Gefragten in erhebliche Konflikte.
„Überall, wohin ich komme, sagen Menschen, dass dies ein Thema ist, das uns alle angeht.“
Alethea Talks: Die Kritiken auf Amazon sind zahlreich und intensiv. Es scheint ein Thema zu sein, das viele Menschen berührt.
Lou Bihl: Auf jeden Fall. Überall, wohin ich komme, sagen Menschen, dass dies ein Thema ist, das uns alle angeht. Der Tod ist – abgesehen von der Geburt – das einzige Ereignis im menschlichen Leben, das hundert Prozent aller Menschen betrifft. Gerade in unruhigen Zeiten machen sich viele Gedanken darüber, wie es sein wird, wenn sie selbst betroffen sind.
„Ein Abschied vom Leben berührt immer, doch mit der Zeit lernt man als Arzt eine Abgrenzung, ohne dass die Empathie leidet.“
Alethea Talks: Wie verkraften Sie als Medizinerin die Nähe zum Tod in solchen Situationen?
Lou Bihl: Als Strahlentherapeutin hatte ich überwiegend Tumorpatienten, darunter viele, die nicht heilbar waren und palliativ betreut wurden. Ein Abschied vom Leben berührt immer, doch mit der Zeit lernt man als Arzt eine Abgrenzung, ohne dass die Empathie leidet. Wer alles mit nach Hause nimmt, kann den Beruf langfristig nicht ausüben.
Alethea Talks: Es heißt, Sie wollten eigentlich immer Schriftstellerin werden und wurden von Ihren Eltern zum Studium gedrängt.
Lou Bihl: Ich begann mit 20 Jahren Medizin zu studieren, obwohl ich zunächst anderes im Sinn hatte. Doch ich habe mich in die Medizin verliebt – sie wurde mein Traumberuf, den ich nie bereut habe. Als Chefärztin war es ein Traumjob. Nebenher schrieb ich immer: wissenschaftliche Artikel, Pressearbeit. Schreiben war stets Teil meines Lebens. Ich nahm mir vor, nach dem Berufsende Belletristik zu schreiben.
Alethea Talks: Wie sehen Sie die Diskussion in Deutschland zur Sterbehilfe?
Lou Bihl: Das Thema wird viel zu wenig öffentlich diskutiert. Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts 2020 stellte den assistierten Suizid straffrei, nachdem er 2015 vom Bundestag (maßgeblich unter CDU-Führung) verboten worden war. Man hätte einen Aufschrei erwartet, doch dann kam Corona und erstickte alle Diskussionen.
Alethea Talks: Wie finden Sie es, dass viele Menschen weiterhin in die Schweiz reisen?
Lou Bihl: Früher war das notwendig, da es hier strafbar war – Ärzte riskierten Lizenzverlust und Gefängnis. Inzwischen ist es erlaubt, doch doch manche reisen trotzdem. Professionelle Organisationen dort handeln liebevoll, kompetent und sorgfältig, bieten einen Rahmen, in dem Angehörige dabei sein können, und sorgen für einen friedlichen Ablauf. Solche Strukturen sind bei uns aber ebenfalls entstanden, z.B. Die Deutsche Gesellschaft für humanes Sterben, der Verein Sterbehilfe oder die Zweigstelle der Dignitas Deutschland. Jeder Arzt darf nun Medikamente besorgen, doch der Patient muss sie selbst nehmen.
„Der Begriff „Krebs“ ist breit – von gut behandelbar bis aggressiv. Es kommt auf den Einzelfall an – immer mit Spezialisten besprechen.“
Alethea Talks: Was raten Sie, wenn jemand eine Diagnose eines möglicherweise unheilbaren Krebses erhält?
Lou Bihl: Der Begriff „Krebs“ ist breit – von gut behandelbar bis aggressiv. Es gibt Erkrankungen wie ALS, die keine Krebsart sind, aber oft tödlicher verlaufen. Manche Patienten leben trotz Metastasen 20 Jahre. Es kommt auf den Einzelfall an – immer mit Spezialisten besprechen.
Alethea Talks: Haben Sie erlebt, dass Palliativmaßnahmen zu früh eingesetzt wurden?
Lou Bihl: Überhaupt nicht. In Deutschland werden sie leider eher zu spät eingesetzt. Palliativmedizin lindert Symptome, verbessert Lebensqualität – durch Schmerztherapie, Pflege, Ernährung. Sie dient nicht mehr der Heilung, sondern dem Wohlbefinden.
Alethea Talks: Erreichen Sie mit dem Buch mehr Menschen als in der Klinik?
Lou Bihl: Das hofft man. Romane erreichen auch Leser, die sich mit dem Thema noch nicht beschäftigt haben – im Gegensatz zu Sachbüchern. Man packt es in eine Handlung, macht es damit zugänglicher.
„Ich erwartete mehr Kritik, etwa von kirchlicher Seite, da Kirchen assistierten Suizid ablehnen.“
Alethea Talks: Welche Reaktionen haben Sie von Lesern erhalten?
Lou Bihl: Überwiegend positiv – das hat mich überrascht. Ich erwartete mehr Kritik, etwa von kirchlicher Seite, da Kirchen assistierten Suizid ablehnen. Doch es herrschte große Aufgeschlossenheit. Ich hatte beispielsweise eine Lesung in einer Kirchengemeinde mit über 100 Besuchern und einem Pfarrer, der das Thema offen und vorurteilsfrei diskutierte - sehr ermutigend.
Alethea Talks: Schreiben Sie bereits am nächsten Buch?
Lou Bihl: Ja. Das Thema wird Organspende sein – ebenfalls kontrovers. In Deutschland braucht man dafür eine explizite Einwilligung; in anderen Ländern gilt Widerspruchslösung, was höhere Raten ergibt, z. B. Spanien viermal so viele Transplantationen.
Alethea Talks: Vielen Dank für dieses Gespräch, Frau Bihl.
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