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NEW BOOKS
Dr. Stéphane Stahl: „Die Ästhetische Chirurgie wird oft vorschnell als reines Geschäft abgetan."
In einer Gesellschaft, die sich leidenschaftlich der „Body Positivity“ verschrieben hat und gleichzeitig unter dem Druck digitaler Perfektion steht, scheint die ästhetische Chirurgie das große Paradoxon unserer Zeit zu sein. Während wir körperliche Selbstbestimmung in vielen Lebensbereichen als Ausdruck von Freiheit feiern, wird der Wunsch nach einer chirurgischen Korrektur des Äußeren oft als Kapitulation vor kapitalistischen Schönheitsidealen stigmatisiert.
Doch ist der Wunsch nach Attraktivität wirklich nur Eitelkeit – oder ist er ein gerechtfertigtes Streben nach psychischem Wohlbefinden und sozialer Teilhabe? Der Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie, PD Dr. Stéphane Stahl, legt in seinem neuen Buch „Wunderschön“ dar, dass Schönheit kein kultureller Wahn sei, sondern eine messbare, biologische Realität, die unser Gehirn in lediglich 13 Millisekunden bewertet – ein Prozess, der Hormone ausschüttet und soziale Resonanz erzeugt, noch bevor der Verstand überhaupt einsetzen kann.
Er beleuchtet den schmalen Grat zwischen medizinischer Notwendigkeit und dem sogenannten „Lifestyle-Eingriff“. Es ist eine Grenze, die, wie Dr. Stahl argumentiert, häufig weniger durch klinische Fakten als durch politische und ökonomische Interessen gezogen wird. Er provoziert mit dem Vergleich zur Solidargemeinschaft: Warum übernimmt die Krankenkasse die Kosten für die Korrektur abstehender Ohren bei Kindern, verweigert sie aber Erwachsenen mit identischem Leidensdruck? Und warum wird die Disziplin der Selbstoptimierung im Fitnessstudio gefeiert, während der medizinische Weg moralisch abgewertet wird? Dr. Stahl thematisiert den sogenannten ‚Halo-Effekt‘ – jene psychologische Wahrnehmung, die uns dazu verleitet, attraktiven Menschen unbewusst positivere Charaktereigenschaften zuzuschreiben. Durch diese biologische Voreingenommenheit könne man sich Schönheit rational kaum entziehen.
Daraus ergibt sich eine provokante These zur Rolle der Medizin: Wenn die Natur Merkmale wie Symmetrie oder Proportionen rein zufällig verteilt, kann die Chirurgie als ein Instrument der Korrektur begriffen werden. Dr. Stahl sieht in der ästhetischen Operation eine Möglichkeit, dort eine Form von Gerechtigkeit herzustellen, wo das äußere Erscheinungsbild massiv vom inneren Selbstempfinden abweicht. Es ginge am Ende nicht um die Jagd nach einem Ideal, sondern um die Deckungsgleichheit von Identität und Körperlichkeit.
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19. März 2026
BOOKS
Name:
Dr. Stéphane Stahl:
"Wunderschön: Warum wir dem Bann des Äußeren nicht entkommen"
"Philosophen haben den Begriff der Schönheit so weit gefasst, dass er nahezu jede menschliche Facette berührt. Ehrlichkeit, Güte und Selbstlosigkeit gelten hier ebenso als schön wie Authentizität, Humor oder geistige Tiefe."
Herr Dr. Stahl, in Ihrem Buch beschreiben Sie Schönheit nicht als Oberflächlichkeit, sondern als verwurzeltes biologisches Programm. Ist große Schönheit für Sie eine mathematische Analyse oder ein emotionales Erlebnis?
Philosophen haben den Begriff der Schönheit so weit gefasst, dass er nahezu jede menschliche Facette berührt. Ehrlichkeit, Güte und Selbstlosigkeit gelten hier ebenso als schön wie Authentizität, Humor oder geistige Tiefe. Das körperliche Erscheinungsbild ist in dieser Fülle bloß eine Eigenschaft unter vielen. Die Attraktivitätsforschung jedoch isoliert ganz bewusst diesen einen physischen Aspekt und macht ihn durch objektive Daten messbar. In allen Kulturen und zu allen Zeiten wird die Frage nach den Merkmalen körperlicher Attraktivität ähnlich beantwortet. Merkmale wie Symmetrie und typisch männliche oder typisch weibliche Proportionen, auch schöne Haut und schöne Zähne, werden von den meisten Menschen als schön empfunden. Weltweit ist körperliche Attraktivität bei der Partnerwahl ein entscheidender Faktor. Das ist bemerkenswert. Mir persönlich ist ein herzliches, ansteckendes Lachen wichtig. Damit liege ich voll im westlichen Trend. Anders als bei der Attraktivität spielt Humor in vielen östlichen Kulturen hingegen nur eine untergeordnete Rolle.
"Dennoch bleiben natürliche Proportionen essenziell. Werden sie missachtet, wirken Gesichter nicht schön, sondern irritierend und verzerrt."
Schon in der Antike beschrieb Euklid jene Proportion von etwa 1 zu 1,62, die wir heute als Goldenen Schnitt kennen. Für Genies wie Da Vinci war sie ein göttliches Prinzip, das sich im menschlichen Körper ebenso wiederfindet wie in Blütenblättern oder Galaxien. Lange galt diese Formel als der heilige Gral der Ästhetik. Wissenschaftliche Studien konnten allerdings keinen direkten Zusammenhang zwischen dem Goldenen Schnitt und menschlicher Attraktivität bestätigen. Dennoch bleiben natürliche Proportionen essenziell. Werden sie missachtet, wirken Gesichter nicht schön, sondern irritierend und verzerrt.
Unser Gehirn entscheidet in Sekundenbruchteilen, ob wir jemanden attraktiv finden. Das geschieht unbewusst und löst sofort körperliche Reaktionen aus. Der Herzschlag steigt, die Hände werden feucht, die Pupillen weiten sich und Glückshormone werden ausgeschüttet. Schönheit ist also ein wissenschaftlich nachweisbares, objektivierbares emotionales Erlebnis.
Warum fällt es Menschen so schwer, sich dem Bann der Schönheit zu entziehen, selbst wenn wir intellektuell wissen, dass Filter und OPs ein Ideal erschaffen, das es so eigentlich nicht gibt?
Körperliche Anziehung wird im Gehirn extrem schnell verarbeitet. Das geschieht, noch bevor man bewusst nachdenken kann. Das spricht dafür, dass neben Kultur auch tief verankerte biologische Reaktionen im Spiel sind. Studien mit Hirnscans bei Attraktivitätsbewertungen zeigen eine grobe Aufteilung. Der Teil des Gehirns, der für das Sehen zuständig ist, kann sich an häufige Anblicke gewöhnen. Dadurch wirken sie normal. Die eigentliche Bewertung, ob etwas schön ist, hängt jedoch stark am Belohnungszentrum. Ob wir jemanden anziehend finden, wird vor allem in bestimmten Bereichen im vorderen Gehirn entschieden. Hinzu kommt ein tiefer liegendes Areal für Lust und Belohnung.
Wissenschaftlich betrachtet ist Schönheit etwas völlig anderes als ein Ideal. Denn Ideale sind kulturelle Maßstäbe, die oft unerreichbar bleiben. Biologische Attraktivität hingegen hat nichts mit perfekter Utopie zu tun. Es gibt keine „unerreichbare“ Jugendlichkeit. Es gibt auch keine perfekte Symmetrie. Extreme Abweichungen empfinden wir aber als unnatürlich und unattraktiv. Es gibt auch kein punktgenaues Idealgewicht. Bei einer Körpergröße von 1,65 Meter gibt es eine gesunde Spannweite zwischen 50 und 68 Kilogramm. Auch Zähne müssen nicht schneeweiß sein, um schön zu sein. Sie sollten aber auch nicht gelb oder schwarz sein. Lippenstift, Zahnspange oder das Entfernen einer Warze machen uns nicht perfekt. Sie machen uns attraktiver. Wir gewinnen dadurch Lebensqualität und Wohlbefinden.
Wir lesen instinktiv wichtige Informationen aus dem Gesicht ab, wie Alter, Geschlecht oder Gesundheitszustand. Die Evolution hat uns auf Merkmale programmiert, die Jugend und Fruchtbarkeit signalisieren. Diese Merkmale gelten als Versprechen auf gesunde Nachkommen. Die Forschung beweist, dass dieser Sinn angeboren ist. Schon Neugeborene betrachten attraktive Gesichter länger.
"Die Tatsache, dass Anziehung in 13 Millisekunden verarbeitet wird und unsere Aufmerksamkeit lenkt, zeigt, wie alt und stabil diese Bewertungen sind. Sie haben sich über viele Generationen entwickelt."
Die Tatsache, dass Anziehung in 13 Millisekunden verarbeitet wird und unsere Aufmerksamkeit lenkt, zeigt, wie alt und stabil diese Bewertungen sind. Sie haben sich über viele Generationen entwickelt. Sie lassen sich nicht grundlegend umprogrammieren, nur weil man Modemagazine durchblättert oder Werbung mit sehr kräftigen Menschen sieht. Man kann das Auge zwar an fast alles gewöhnen. Man kann das Belohnungszentrum jedoch nicht dazu zwingen, Glücksstoffe auszuschütten, wenn ein Signal biologisch nachteilig ist.
Obwohl wir in einer Zeit von „Body Positivity“ leben, ist es fast zum gesellschaftlichen Druck geworden, Schönheitsbehandlungen oder Operationen durchzuführen.
Wir leben in einer Zeit, die körperliche Selbstbestimmung feiert wie nie zuvor, etwa bei geschlechtsangleichenden Maßnahmen. Wenn Menschen ihr Äußeres an ihr gefühltes Inneres anpassen, gilt das heute zu Recht als Ausdruck von Freiheit. Doch sobald es um klassische Schönheitsbehandlungen geht, kippt das Bild. Plötzlich gilt der Wunsch nach Veränderung nicht mehr als selbstbestimmt, sondern als Ergebnis des gesellschaftlichen Drucks. Diesen Widerspruch kann ich nicht auflösen.
Wer den gesellschaftlichen Druck beklagt, ist oft gleichzeitig der Ansicht, Schönheit liege allein im Auge des Betrachters. Das ist ein direkter Widerspruch. Wäre Attraktivität wirklich völlig beliebig, würden Menschen nicht alle vergleichbare Dinge tun, um attraktiv zu wirken. Dass sich unsere Vorlieben über viele Epochen und Kulturen hinweg gleichen, zeigt ganz klar: Das ist kein Wahn. Es beweist vielmehr, dass Attraktivität kein Zufallsprodukt ist, sondern festen Regeln folgt, die man empirisch beschreiben kann. Und genau das ist der Grund, warum es die Attraktivitätsforschung überhaupt gibt.
Ricarda Lang hat die Body-Positivity-Bewegung zu Recht kritisiert. Sie übe Druck auf Menschen aus, die schlicht ein gesundes Normalgewicht anstreben. Auch der Begriff Selbstoptimierung wird oft ideologisch aufgeladen. Ein Vergleich hilft: Wir würden kognitiven Abbau im Alter ja auch nicht als „Geist-Positivity“ begrüßen. Innere und äußere Werte sind zwei Seiten derselben Medaille.
Die Kritik an der Normalisierung von Schönheitsoperationen birgt einen gewissen Widerspruch. Lange empfand man Schönheit als ungerecht, da sie genau wie Gesundheit stark von den Genen abhängt. Heute bietet die Medizin Wege, Makel zu korrigieren und das Schicksal selbst zu gestalten. Doch paradoxerweise stoßen diese Mittel zur Steigerung der Attraktivität und der Chancengleichheit auf Ablehnung.
Wir bewundern den Pianisten gerade dafür, dass er hart an sich arbeitet, um besser zu werden. Niemand würde ihm vorwerfen: „Dein Spiel ist wertlos, weil du nicht schon mit der Fähigkeit geboren wurdest, Beethoven zu spielen.“ Ein Pianist übt keinen Druck aus, er zeigt nur, dass Musik für jeden möglich ist, der nicht als Mozart geboren wurde. Wer Menschen dafür verurteilt, dass sie ihr Äußeres verbessern, und nur das Natürliche gelten lässt, bevorzugt den reinen Zufall. Das bedeutet im Klartext, dass nur wer mit guten Genen gesegnet ist, ein Recht auf Bewunderung hat.
"Unser Gehirn scannt ein Gesicht in Sekundenbruchteilen. Es sucht unbewusst nach Hinweisen auf gute Erbanlagen."
Der „Halo-Effekt“: Sie beschreiben, dass wir attraktive Menschen unbewusst bevorzugen. Wie kann man sich dem als reflektierter Mensch entziehen, oder ist es unumgänglich im Sinne der Evolution?
Aus biologischer Sicht wäre es problematisch, wenn wir jeden Menschen gleich attraktiv fänden. Schönheit ist für unseren Körper keine reine Geschmackssache. Sie ist ein Signal für Gesundheit und Kraft. Unser Gehirn scannt ein Gesicht in Sekundenbruchteilen. Es sucht unbewusst nach Hinweisen auf gute Erbanlagen. Glatte Haut und volle Haare können anzeigen, dass jemand gesund ist und über ein stabiles Abwehrsystem verfügt. Würden wir diese Unterschiede nicht wahrnehmen, wäre die Partnerwahl zufällig. Wir würden uns auch mit alten oder schwer kranken Menschen fortpflanzen. Das hätte langfristig weniger gesunde Nachkommen zur Folge. Unsere Vorfahren haben überlebt, weil sie bei der Partnerwahl wählerisch waren.
Heute wird oft bestritten, dass das äußere Erscheinungsbild eine Rolle spielt. Dabei beruht der Satz, alle Menschen seien gleich, häufig auf einem Missverständnis. Gemeint ist die moralische und rechtliche Gleichwertigkeit aller Menschen. Gemeint ist ausdrücklich nicht, dass wir alle dieselben Eigenschaften oder Talente besitzen. Gerade in der Medizin ist es entscheidend, Menschen individuell zu betrachten. Jeder Mensch hat einen eigenen Stoffwechsel. Wenn eine Frau und ein Mann die exakt gleiche Menge Alkohol trinken, spürt die Frau die Wirkung meist stärker. Das liegt an biologischen Faktoren wie dem Körperwasseranteil und nicht am Charakter. Wir sind also nicht alle gleich. Gleichzeitig lassen wir uns auch nicht in starre Kategorien pressen. Dennoch bewerten wir Menschen jeden Tag automatisch. Wir ordnen sie in Schubladen ein. Das geschieht anhand von Geschlecht, Aussehen und Herkunft. Diesem ersten Eindruck können wir uns kaum entziehen. Er entsteht, bevor unser Verstand eingreift. Daraus ergibt sich der sogenannte Halo-Effekt. Gutes Aussehen wird mit positiven Eigenschaften verknüpft. Wir halten attraktive Menschen eher für klug, freundlich oder kompetent. Das wirkt sich in vielen Lebensbereichen aus: In der Schule, im Beruf, in der Politik und sogar im Gerichtssaal.
"Als denkende und ethisch handelnde Wesen sind wir unseren Genen jedoch nicht hilflos ausgeliefert."
Vorurteile entstehen, wenn wir Menschen auf Basis solcher spontanen Eindrücke beurteilen. Wer einer attraktiven Person automatisch mehr vertraut, hegt ein positives Vorurteil. Stereotype gehen über diese schnellen Urteile hinaus. Sie beruhen auf bewussteren Zuordnungen zu bestimmten Gruppen. Ein negatives Stereotyp ist etwa die Annahme, eine attraktive Frau verdanke ihren Erfolg allein ihrem Aussehen und nicht ihrer Kompetenz. Wenn aus solchen Annahmen konkrete Handlungen werden, sprechen wir von Diskriminierung. Das zeigt sich beispielsweise, wenn attraktive Menschen bei Bewerbungen bevorzugt oder weniger attraktive systematisch benachteiligt werden.
Als denkende und ethisch handelnde Wesen sind wir unseren Genen jedoch nicht hilflos ausgeliefert. Zwischen der unbewussten Reaktion und der bewussten Entscheidung liegt immer ein Moment der Reflexion. Voraussetzung ist die Bereitschaft, die biologischen Hintergründe zu verstehen. Menschen lassen sich weder auf ihre inneren Werte noch auf ihr Äußeres reduzieren. Wenn wir uns unserer instinktiven Bewertungen bewusst werden, können wir gerechter handeln. Das gilt gegenüber Menschen, die weniger Glück mit ihren Genen hatten. Es gilt ebenso gegenüber denen, die ihr Äußeres verschönern möchten.
Warum führt außergewöhnliche Schönheit nicht zwangsläufig zu einem höheren Selbstwertgefühl, und weshalb erleben Menschen mit einer nur leicht überdurchschnittlichen Attraktivität oft das höchste psychische Wohlbefinden Ihrer These nach?
Das klingt paradox, ist aber oft die Realität. Extrem gut aussehende Menschen leiden unter immensen Erwartungen ihres Umfelds. Dieser Perfektionsdruck nagt massiv am Selbstbewusstsein. Zwar regnet es Komplimente, aber die nehmen viele gar nicht ernst – gerade wenn sie vom anderen Geschlecht kommen, wittert man oft nur eine Masche. Dazu kommen Vorurteile und Missgunst. Besonders attraktive Frauen bekommen häufig die Eifersucht von Geschlechtsgenossinnen zu spüren. Das isoliert. Und es gibt ein ganz pragmatisches Problem: Wir suchen Partner auf Augenhöhe. Doch so wie es nur wenige Hochbegabte gibt, sind auch extrem attraktive Menschen rar gesät. Die Auswahl an passenden Partnern ist an der Spitze einfach verdammt klein. Ja, Schönheit kann dem Liebesglück also tatsächlich im Weg stehen.
"Die Annahme, Medien könnten Schönheitsideale festlegen und gleichzeitig Krankheiten verursachen, überschätzt ihre Wirkung erheblich."
Was denken Sie, wie KI-generierte Avatare und soziale Medien unser Gehirn in Sachen Wahrnehmung von Schönheit verändern werden?
Die Annahme, dass kulturelle Umstände unsere Wahrnehmung von Schönheit definieren, ist nicht neu. Was sich ändert, sind die Sündenböcke, denen wir die Schuld zuschieben. Vor 40 Jahren war es die Barbie-Puppe. Dann waren es die Industrie oder die klassischen Medien. Später waren es die sozialen Medien. Neuerdings ist es die KI. Viele glauben derzeit fälschlicherweise, Schönheit sei allein ein Produkt der sozialen Medien. Sie hänge davon ab, ob wir hungern oder im Überfluss leben. Diese Sichtweise ist bequem. Dann sind erstens die anderen schuld. Und zweitens könnte man das Idealbild ja jederzeit ändern.
Soziale Medien zeigen uns attraktive Gesichter und Körper. Aber das Bearbeiten von Bildern ist nichts Neues. Seit es Fotografie gibt, wird retuschiert. Selbst auf alten Gemälden wurden angesehene Personen schöner dargestellt, als sie waren. Neu ist die schiere Menge an Bildern. Vor 50 Jahren begegnete ein Durchschnittsmensch bis zur Heirat nur ein paar tausend anderen Menschen. Heute gibt es im Internet mehr Menschenfotos als Erdbewohner. Uns stehen Millionen potenzielle Partner offen. Aber gleichzeitig werden wir selbst mit Millionen anderen verglichen.
Wer fragt, „wie verändern KI-generierte Avatare und soziale Medien unsere Wahrnehmung von Schönheit“, muss zuerst fragen: „Tun sie das überhaupt?“. Sind Medien die Ursache für Störungen des Körperbildes? Um diese Frage richtig zu beantworten, muss man sie genau verstehen. Der Begriff „Medien“ ist sehr ungenau. Im Kontext dieser Frage werden Medien mit Formaten assoziiert wie Germany’s Next Topmodel, The Biggest Loser, Der Bachelor, The Swan, Gute Zeiten, schlechte Zeiten, Extrem schwer oder Extrem schön. Zählen etwa alle Filme mit gutaussehenden Schauspielern und alle gut aussehenden Influencer dazu?
Körperbildstörungen sind komplexe psychiatrische Krankheiten. Die Betroffenen leiden unter einem Makel, der objektiv gar nicht existiert. Das ist der entscheidende Unterschied zu realen Problemen wie Übergewicht. Deshalb reicht bloßes Fragen nach dem Leidensdruck nicht aus. Man muss objektiv prüfen, was leider nicht immer gemacht wird. Während beim Gewicht die Waage genügt, braucht es bei körperlichen Details einen erfahrenen Spezialisten mit tiefem anatomischem Wissen. Erst wenn der Makel objektiv fehlt, sprechen wir von einer Störung. Das ist etwas ganz anderes als nur ein niedriges Selbstwertgefühl.
Viele glauben, dass soziale Medien Magersucht auslösen, weil die Influencer magersüchtig seien. Bisweilen scheint das eher ein Glaube als eine überprüfbare Tatsache zu sein. Auch wenn es sich für viele „richtig anfühlt“, einen direkten Zusammenhang zwischen sozialen Medien und Körperbildstörungen anzunehmen, sind solche Zusammenhänge in der Realität deutlich komplexer. Ähnliche einfache Erklärungen kennt man aus anderen Debatten, etwa bei der Frage nach Handys und Gehirntumoren oder Impfungen und Autismus. Falsche Informationen zu akzeptieren, solange sie sich „richtig anfühlen“, ist gefährlich. Es lenkt von den wahren Ursachen ab und verhindert so die wirksame Hilfe, die die Betroffenen eigentlich brauchen.
Um die sozialen Medien wirklich als alleinigen Verursacher zu benennen, müssten viel mehr Beweise auf dem Tisch liegen, die wir schlicht nicht haben. Man muss sich das mal ganz praktisch vorstellen. Wenn die Sendung der Auslöser wäre, hätten wir nach dem Start von Facebook 2004, Instagram 2010 oder Tiktok 2017 einen Anstieg der Diagnosen sehen müssen. Die Statistiken zeigt hingegen eine deutliche Zunahme während der Corona Pandemie, in der große Angst und Unsicherheit herrschte. Auch die Annahme, dass jemand kränker wird, je länger er sozialen Medien nutzt, lässt sich wissenschaftlich nicht belegen. Zwar gibt es Studien, die das vermuten. Aber große Überprüfungen zeigen immer wieder, dass diese Untersuchungen oft handwerkliche Fehler haben und deshalb kaum aussagekräftig sind.
Wir dürfen zudem die Biologie nicht vergessen. Wir wissen heute, dass bei dieser Krankheit die Gene, also die Veranlagung, zu 40 bis 50 Prozent eine Rolle spielen. Die Vorstellung, man könnte sich eine Körperbildstörung einfangen, nur weil man stundenlang eine Folge nach der anderen schaut, gehört eher ins Reich der Fantasie als in die Wissenschaft. Wäre die Sendung tatsächlich das Gift, dann müsste der Verzicht auf Medien ja das Gegengift sein. Es gibt aber keine Fälle, in denen ein Medienverbot allein eine Körperbildstörung geheilt hätte. Hoher Medienkonsum kann sicher zu Bewegungsmangel und Schlafmangel führen, aber er erzeugt keine neue psychiatrische
Krankheit.
Die Annahme, Medien könnten Schönheitsideale festlegen und gleichzeitig Krankheiten verursachen, überschätzt ihre Wirkung erheblich. Sind Jugendlichkeit und Symmetrie attraktiv, weil die Medien jugendliche Moderatoren mit symmetrischen Gesichtern präsentieren, oder sehen wir überwiegend jugendliche Moderatoren mit symmetrischen Gesichtern in den Medien, weil wir sie attraktiv finden? Sind wir deprimiert, weil wir die sozialen Medien nutzen, oder nutzen wir die sozialen Medien, weil wir deprimiert sind? Wir müssen vorsichtig sein mit einfachen Erklärungen.
Internationale Top Experten kommen in angesehenen Fachzeitschriften wie Nature zu einem klaren Schluss. Es gibt bis heute keine überzeugenden Beweise dafür, dass soziale Medien die Ursache für Körperbildstörungen sind (Rück, Christian, et al. „Body dysmorphic disorder." Nature Reviews Disease Primers 10.1 (2024), 92.). Medien arbeiten zwangsläufig mit Auswahl. Sie zeigen nicht einfach den Alltag, sondern oft das Herausragende. Das kann Talent sein, Intelligenz, sportliche Leistung oder Schönheit. Daraus unmittelbar ein Verbot abzuleiten, um mögliche negative Effekte auf das Selbstwertgefühl mancher Zuschauer zu vermeiden, widerspricht der Freiheit der Berichterstattung. Ebenso wenig ist es überzeugend, individuelle Bestrebungen nach Verbesserung pauschal moralisch zu problematisieren. Das gilt sportlich, intellektuell oder in der Attraktivität. In der Regel handelt es sich um eine autonome persönliche Entscheidung. Sie impliziert weder eine Abwertung anderer, noch begründet sie einen Anspruch, dass alle diesem Maßstab folgen müssten.
"Unsere Präferenzen sind das Ergebnis von rund 240.000 Generationen bzw. sechs Millionen Jahren des Zusammenlebens."
Wo sehen Sie Schönheit und Gesellschaft in 50 und in 100 Jahren?
Unsere Partnerwahl ist kein reines Bauchgefühl. Schon seit Generationen bevorzugen wir Eigenschaften, die unser Überleben sichern und unseren Fortschritt fördern. Unsere Präferenzen sind das Ergebnis von rund 240.000 Generationen bzw. sechs Millionen Jahren des Zusammenlebens. Da sich physische Merkmale, die mit Überlebensvorteilen verknüpft sind, erst über Zeiträume von etwa 30 bis 50 Generationen (ca. 1000 Jahre) evolutionär durchsetzen, ist ein Zeitraum von einem Jahrhundert biologisch betrachtet zu kurz für einen fundamentalen Wandel. Wir werden also auch in Zukunft instinktiv jene Merkmale attraktiv finden, die Gesundheit, ein starkes Immunsystem und Fruchtbarkeit signalisieren – wie glatte Haut, Symmetrie oder glänzendes Haar.
Seit jeher ist die Fähigkeit zur Anpassung unser wichtigster Überlebensvorteil. Je besser unser Erbgut auf neue Herausforderungen reagiert, desto größer werden die Chancen für kommende Generationen. Genau dieses Prinzip steckt tief in uns allen. Eltern wünschen sich für ihre Kinder stets eine bessere Zukunft, als sie selbst hatten. Gesundheit und Bildung stehen dabei an oberster Stelle. Genau in diesen Bereichen hat die Menschheit in den letzten Jahrhunderten beeindruckende Fortschritte gemacht. Obwohl heute viele Menschen von medizinischer Versorgung und einem breiten Bildungsangebot profitieren, bleibt die Evolution dennoch nicht stehen. Wie genau sie sich in unserer modernen Welt auswirkt, ist noch nicht vollständig verstanden. Sicher ist aber: Manche Eigenschaften werden bevorzugt weitergegeben – und das wird sich auch in Zukunft nicht ändern.
"Die Ästhetische Chirurgie wird oft vorschnell als reines Geschäft abgetan. Doch dieser Vorwurf greift zu kurz. Er verkennt die komplizierte Realität unseres Gesundheitssystems."
Wird die Ästhetische Chirurgie als Produkt kapitalistischer Gewinnmaximierung stigmatisiert, und wie lässt sich der vermeintliche Widerspruch zwischen dem ärztlichen Ethos und der wirtschaftlichen Realität einer privatisierten Medizin auflösen?
Die Ästhetische Chirurgie wird oft vorschnell als reines Geschäft abgetan. Doch dieser Vorwurf greift zu kurz. Er verkennt die komplizierte Realität unseres Gesundheitssystems. Ein Blick auf die Definitionen zeigt das Dilemma. Für die Weltgesundheitsorganisation ist Gesundheit ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens. Das deutsche Bundessozialgericht sieht das viel enger. Hier wird Gesundheit oft nur als das Fehlen von Krankheit oder als rein körperliche Funktion definiert. Sicher sind finanzielle Mittel begrenzt. Der Staat kann nicht alles bezahlen. Gerichte versuchen gar nicht erst, diese komplexe Lage mit einer verständlichen Definition zu lösen. Sie klammern seelische und soziale Abaspekte einfach aus.
Das führt zu seltsamen juristischen Begründungen. Ein Beispiel ist der Streit um die Kostenübernahme von Perücken bei einer Krankenschwester, die seit ihrem 13. Lebensjahr an krankheitsbedingter, nicht behandelbarer totaler Haarlosigkeit leidet. Das Gericht erkannte den Haarverlust als Störung „der körperlichen Funktion Neubildung und Wachstum der Haare“ an. Hätte es aber nur den Schutz vor Kälte oder Sonne gemeint, hätte die Kasse auch nur eine Mütze zahlen müssen. Die Perücke wurde von der Krankenkasse gezahlt, weil Haare eben doch eine soziale Bedeutung haben. Das gilt auch dann, wenn das Gericht offiziell nur mit körperlichen Funktionen argumentiert. Ähnlich ist es beim Gesicht oder der weiblichen Brust. Ein Gesicht ist nicht nur zum Sehen und Essen da. Es ist zentral für unsere Kommunikation und Attraktivität. Die Brust dient nicht nur dem Stillen. Dennoch zahlen Kassen selbst bei eingezogenen Brustwarzen, die das Stillen behindern, kaum eine Korrektur. Die Argumentation mit der reinen Körperfunktion wirkt hier oft nur vorgeschoben, um Kosten zu sparen.
Ob eine Behandlung notwendig ist, hängt immer vom Ziel ab. Geht es um das nackte Überleben, um Schmerzlinderung oder um Lebensqualität? Der Wiederaufbau einer Brust nach Krebs lindert keine körperlichen Schmerzen und sichert nicht das Überleben. Er ist aber für die Lebensqualität notwendig. Die Grenze zwischen notwendiger Wiederherstellung und sogenannter Schönheitschirurgie basiert nicht auf objektiven medizinischen Fakten. Sie wird von Geld und Politik gezogen. Den Brustaufbau nach Krebs zahlen die Kassen. Bei einem angeborenen Fehlen der Brust hingegen nicht, obwohl das seelische Leid gleich ist. Wer durch eine Magenoperation abnimmt, bekommt die Hautstraffung bezahlt. Wer es durch Sport schafft, gilt als Lifestyle-Patient und muss selbst zahlen. Und noch ein Beispiel: Um Kinder vor Hänseleien zu schützen, übernehmen Kassen die Korrektur abstehender Ohren. Bei Erwachsenen gilt der exakt gleiche Befund plötzlich als reines Privatvergnügen, obwohl die seelische Belastung oft identisch bleibt.
Besonders deutlich wird der Widerspruch bei neuen Medikamenten wie der Abnehmspritze. Sie ist streng geprüft und wirksam, aber teuer, weil Forschung viel Geld kostet. Wenn die Allgemeinheit diese Kosten trägt, steigen die Beiträge für alle. Wir müssen daher ehrlich diskutieren, was die Solidargemeinschaft leisten soll. Fettleibigkeit ist als Krankheit anerkannt, doch wirksame Medikamente dagegen gelten oft als Lifestyle-Produkt. Gleichzeitig bezahlen Kassen Medikamente gegen Altersdiabetes oder künstliche Kniegelenke, obwohl man diese Leiden oft durch Sport und Ernährung bessern könnte. Hier gibt es also Alternativen. Wer unter einer starken Hängebrust leidet, dem hilft kein Sport. Eine Bruststraffung, die, wie Studien zeigen, die Lebensqualität, das Selbstbewusstsein und die sexuelle Zufriedenheit steigert, wird aber oft als unnötig abgelehnt. Das ist unlogisch. Wo Sport helfen würde, bei Knie und Diabetes, zahlt die Kasse oft die teure Medizin oder OP. Wo Sport nicht hilft, bei der Brust, zahlt sie nicht. Weitere interessante wissenschaftliche Fakten hielt ein Bericht der Tagesschau von letzter Woche parat. Fast die Hälfte aller Krebstodesfälle sind durch den eigenen Lebensstil wie Rauchen, Alkohol und schlechte Ernährung verursacht und daher vermeidbar.
Noch absurder wird es beim Blick auf die Wissenschaftlichkeit. Krankenkassen erstatten teilweise Homöopathie, obwohl wissenschaftlich belegt ist, dass sie nicht über den Placebo-Effekt hinaus wirkt. Das verursacht Kosten für Mittel und längere Krankheitszeiten. Am Ende sollten aus meiner Sicht wissenschaftliche Fakten den Ausschlag geben. Nicht die politische Überlegung, ob man mit bestimmten Maßnahmen wiedergewählt wird.
Stattdessen führen wir emotionale Debatten über das Aussehen. Haarausfall wird bei Männern oft als Lappalie abgetan, obwohl er für Jugend und Gesundheit steht und psychisch stark belasten kann. Große Brüste führen bei Frauen oft zu Scham und Belästigung. Solche Leiden als oberflächlich abzutun, drängt die Betroffenen in eine ungerechte Ecke. Wir müssen aufhören, medizinische Notwendigkeit politisch zu verzerren. Attraktivität ist objektiv messbar und beeinflusst unser Leben überall. Wenn wir die Debatte ehrlich und ohne Vorurteile führen, erkennen wir, dass der Wunsch nach körperlicher Korrektur oft nichts mit Eitelkeit, sondern mit psychischer Gesundheit und Lebensqualität zu tun hat. Das Thema der wirtschaftlichen Realität im Gesundheitswesen ist so umfangreich, dass es dafür ein gesondertes Buch bräuchte.
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